13. Oktober 2026

So bunt wie das Leben! – 1. Hospiz- und Palliativtag in Hattingen

„Über das Sterben spricht niemand gerne“, formulierte ein Pressekollege treffend, „aber es hat auch noch niemanden umgebracht“, ergänzte GVP-Beraterin Britta Eichholtz lächelnd. Sie gehört zum Vorbereitungsteam des 1. Hospiz- und Palliativtags für Hattingen, Sprockhövel und Umgebung, der am vergangenen Samstag in der Turnhalle von Haus Theresia stattfand. Ja, dieses Sprechen kann guttun, wenn man als Betroffener, An- und Zugehöriger, Freund oder Nachbarin auf einmal mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wird. Und es ist unendlich hilfreich, wenn man dann weiß, wo man Hilfe bekommen kann.

„Das ist eines der Ziele des heutigen Tages“, sagte Prof. Dr. med. Ulrich Kampa, der als Moderator durch den Tag führte: „Wir möchten mit den Strukturen der Palliativversorgung vertraut machen, die es im Ennepe-Ruhr-Kreis gibt. Damit Sie wissen, wohin Sie sich wenden können, wenn Sie oder ein Ihnen nahestehender Mensch plötzlich eine lebensverkürzende Diagnose erhält und die Welt aus den Fugen zu geraten scheint.“

Von den Schwierigkeiten, über das Sterben oder den Tod zu sprechen, handelte auch der Eröffnungssketch von Britta Eichholtz und Andreas Fleer, der unmittelbar in das Thema einführte und gleichzeitig dessen Schwere nahm: Es durfte gelacht werden.

Übrigens auch das eine Erkenntnis des Tages: Im Hospiz und in der ambulanten palliativen Versorgung wird viel mehr gelacht, als man das vielleicht annehmen möchte.

Sterben ist Bestandteil des Lebens
„Hospiz – so bunt wie das Leben“, lautet das Motto des diesjährigen Welthospiztages, das auch für die Hattinger Veranstaltung Pate stand. Ein Gedanke, den die beiden Bürgermeisterinnen Melanie Witte-Lonsing (SPD) aus Hattingen und Sabine Noll (CDU) aus Sprockhövel in ihren Grußworten aufgriffen. „Hospizarbeit ist bunt – so bunt wie die Menschen, die begleitet werden. So bunt, wie die Menschen, die begleiten. So bunt wie das Leben selbst!“, sagte Noll und fügte hinzu: „Das Sterben gehört zum Leben – das zu akzeptieren bedeutet nicht, den Tod weniger traurig oder schmerzhaft zu machen, aber es bedeutet, dem letzten Lebensabschnitt seinen Platz zurückzugeben: Einen Platz, an dem Menschen nicht alleingelassen werden, einen Platz, an dem ihre Wünsche und Bedürfnisse zählen, einen Platz, an dem nicht nur die Krankheit gesehen wird, sondern vor allem der Mensch!“

Eine Unterschrift mit Verpflichtungen
Zentraler Bestandteil des Tages war die Unterzeichnung der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“. Gleich vier Akteure aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis – unsere Theresia-Albers-Stiftung, die Westfalen-Apotheke, der Evangelische Verbund Augusta Ruhr sowie der Verein Traurig – Mutig – Stark – bekennen sich nun zu den Zielen der Charta. In ihr werden grundlegende Anforderungen an die Versorgung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen formuliert, mit dem Ziel, dass Menschen unabhängig von ihrer Lebenssituation eine würdevolle Begleitung erhalten.

Manchmal ist das Wichtigste, einfach da zu sein
Hannah Pfeiffer stellte die Arbeit des Ambulanten Hospizdienstes Witten-Hattingen vor und betonte, dass die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer den betroffenen Menschen etwas schenken, was heutzutage immer wertvoller wird: Zeit. „Wir sind einfach da, und sprechen mit den Menschen, gerade mit jenen, die gar kein oder ein sehr kleines soziales Umfeld haben. Oder wir halten – wo es notwendig ist und die Worte fehlen – die Stille.“

Diese Arbeit bedeute auch viel für die Angehörigen, die die freie Zeit dann für etwas nutzen könnten, was ihnen einfach guttue.

Stationäre Versorgung
Dominik Neuhaus stellte das Hospiz St. Elisabeth in Witten vor und präsentierte – je nach Lesart – beeindruckende oder bedrückende Zahlen: Deutschlandweit gibt es 270 Hospize, die jeweils zwischen 8 und 16 Betten vorhalten. Nehmen wir den Mittelwert, so ergibt sich, dass zeitgleich etwas mehr als 3200 Menschen stationär versorgt werden können. Das erkläre, warum die Wartelisten so lang seien: St. Elisabeth hätte im Jahr mehr als 800 Anmeldungen, könne aber nur zwischen 100 und 130 Personen versorgen.

Mit vielen Beispielen machte er die Arbeit nachvollziehbar und lebendig – etwa, wenn er von Hochzeiten im Hospiz erzählte und von einer Turnierreiterin, die sich noch gerne von ihrem Pferd verabschieden wollte, das dann für einen Nachmittag zur Einrichtung gebracht wurde.

Vieles läuft gut, vieles kann noch besser werden
Dr. Franz Krizantits fasste die Strukturen im Ennepe-Ruhr-Kreis zusammen, beschrieb die immer noch bestehenden Problemfelder in Punkto Refinanzierung, aber auch erfolgreiche Kooperationen, die immer wieder Mut zum Weitermachen erlaubten. Seine Frau Sylvia Hoffmann-Krizanits ließ mit vielen Alltagsbeispiele ihre Arbeit in der psycho(onko)logischen Arbeit lebendig werden.

Notsituationen kennen keine Uhrzeit – eine Vorbereitung ist immer sinnvoll
Tasso Weinhold aus der Westfalen Apotheke stellte die „Notfallbox“ vor.

Diese Box ist ausgestattet mit Medikamenten für den Bedarfsfall von erwartbaren belastenden Symptomen am Lebensende und bietet schnelle Hilfe im Krisenfall.

Das beruhigt, denn die Menschen haben selten Angst vor dem Tod, sondern vor dem Sterben und den möglichen Symptomen wie Schmerzen, Luftnot, Angst oder Unruhe.

Vielseitiges Programm
Der Hospiz- und Palliativtag bot den 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein abwechslungsreiches Programm: Zahlreiche Initiativen, Vereine und Einrichtungen boten sich als Gesprächspartner an und stellten ihre Angebote vor.

Ein „Wünschewagen“ auf dem Vorplatz des Gewächshauses stand für Fragen zur Verfügung und begeisterte u.a. mit einem Sternenhimmel, der bei Wunschfahrten für Atmosphäre sorgt. Außerdem gab es Workshops, in denen z.B. Tamara Erdmann, Aromatherapeutin unserer Stiftung, den Umgang mit ätherischen Ölen in der Palliativ-Pflege vorstellte. In einem anderen wurden Vorschläge im Umgang mit Schluckbeschwerden gemacht.

Nicht vergessen werden darf die kleine Ausstellung „Hospiz macht Schule“, die im Gewächshaus von Haus Theresia präsentiert wurde und die sich einem Thema widmet, vor dem viele Erwachsene zurückschrecken: Wie erklärt man Kindern das Sterben? Denn oftmals wird unterstellt, dass sich die palliative Versorgung nur an ältere Menschen richtet. Doch das ist beileibe nicht der Fall. Lebensverkürzende Krankheiten von Eltern oder Gleichaltrigen gibt es häufiger, als man vielleicht denkt. Das provoziert Fragen: Wohin geht die Mama, wenn sie stirbt? Warum müssen wir eigentlich sterben? Was passiert nach dem Tod? Darf ich glücklich sein, wenn mein Bruder krank ist? Genau hier setzt „Hospiz macht Schule“ an. Während einer Projektwoche beschäftigen sich Grundschulkinder unter der Leitung von speziell ausgebildeten Kräften mit Krankheit, Abschied, Sterben und Trauer.

Prof. Dr. med. Ulrich Kampa stellte in seinen Schlussworten heraus, dass er sich eine Neuauflage der Veranstaltung wünsche, schließlich habe man den Tag nicht umsonst „1. Hospiz- und Palliativtag“ genannt. Allerdings solle der anzustrebende Rhythmus nicht jährlich sein.

Und jetzt?
Mit der Unterzeichnung der Charta hat unsere Stiftung einen wichtigen Beitrag zur Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen geleistet: „Wir haben uns nun an Grundsätze gebunden, die für uns in Zukunft verbindlich sind und die wir auch einhalten wollen“, sagt Stiftungsvorstand Yvonne Noellen, „denn jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen.“

Der Wortlaut der Charta ist hier nachzulesen.